Marc Mudrak

7 Mai 2013

Altgläubige Kulturen und Zugehörigkeiten im Alten Reich und Frankreich während der frühen Reformation (1517-40)
Betreut durch: Prof. Dr. Christophe Duhamelle (EHESS), Prof. Dr. Thomas Maissen (Universität Heidelberg)
marc.mudrak@gmx.de

http://catholiccultures.hypotheses.org/

Projekt

Im Jahr 2017 wird es ein halbes Jahrtausend her sein, dass Martin Luther mit seinem Thesenanschlag den symbolträchtigen Anfangspunkt zu dem setzte, was später der geschichtliche Komplex der Reformation werden sollte. Doch von dieser vielleicht wichtigsten und nachhaltigsten Gesellschaftsspaltung der europäischen Geschichte ist bisher nur die Hälfte bekannt. Denn „Reformation“ ist nicht nur die Bezeichnung für institutionelle und theologische Veränderungen auf der evangelischen Seite, sondern bezeichnet auch eine ganze Epoche: die Reformationszeit. Dabei wird seit Jahrhunderten in großem Umfang über Luther, Zwingli, Calvin und die evangelischen Bewegungen geforscht. Die frühen Gegner der Reformation hingegen sind bis heute in einer historiographischen Grauzone versunken. Abgesehen von der Rolle einiger „katholischer“ Theologen und Fürsten ist über die andere Hälfte der reformatorischen Gesellschaftsspaltung in ihrer sozial-kulturellen Tiefe und Breite wenig bis nichts bekannt. In diesem Dissertationsprojekt steht daher explizit die Aktualisierung und Herausbildung nicht-evangelischer, altgläubiger Kulturen und Zugehörigkeiten während der frühen Reformation im Mittelpunkt. Der Prozess der allmählichen Diversifizierung und zunehmenden (distinktiven) Heterogenität der Religionskulturen ist ein europäisches Phänomen. Exemplarisch sollen in diesem Projekt ausgewählte Räume aus dem Alten Reich und Frankreich untersucht und verglichen werde. Das Ende der Untersuchung um das Jahr 1540 erklärt sich dadurch, dass ab diesem Zeitpunkt wichtige Vertreter der frühen Reformationsgeneration allmählich sterben, die Religionsgespräche im Reich scheitern und mit Calvin die Reformation in Frankreich eine neue Richtung bekommt. Im Alten Reich werden (1) Altbayern mit einem Schwerpunkt auf dessen östlichen Teil, den Stiften Passau und Regensburg sowie der Reichsstadt Regensburg, (2) die Reichsstadt Ulm, deren ländliches Territorium und Grenzräume und (3) Ostwestfalen untersucht. Aus Frankreich werden (4) die Diözese Rouen und (5) die Diözese Troyes untersucht. Beide Gebiete waren früh von evangelischen Kulturformen und den damit vermutlich verbundenen “altgläubigen” Aktualisierungen berührt. Zudem werden etwa 110 altgläubige, volkssprachliche Flugschriften aus dem Alten Reich und 20 aus Frankreich ausgewertet. Ego-Dokumente ermöglichen zusätzliche, personalisierte “Tiefenbohrungen”. Folgende Fragestellungen leiten dabei durch das Projekt: • Wie bilden sich distinktive nicht-evangelische bzw. altgläubige soziale und religiöse Zugehörigkeiten im sozialen Feld der frühen Reformation heraus? • Wie finden diese Kulturen und Zugehörigkeiten ihren Ausdruck in Praktiken und bildhaften Repräsentationen? • Wie eignen sich die Altgläubigen Räume an bzw. distinguieren eigene und andere Räume? • In welchen Zeitkulturen leben die nicht-Evangelischen? Dabei konzentriert sich die Studie vorwiegend auf das für die Altgläubigen kulturell Distinktive, also auf die Momente der Abgrenzung, des Unterschieds und des Konflikts. Denn in diesen kommen nicht nur Wahrnehmungen, Deutungen und soziale Beziehungen zum evangelischen „Anderen“ zum Vorschein, sondern auch das, was in präzisen Fällen den Unterschied für die altgläubige Zugehörigkeit ausmacht. Wie im Gegenlicht wird, vorerst meist bei bestimmten Kristallisationsmomenten (etwa in der Fasten- und Osterzeit, während der sonntäglichen Messe oder im Raum vor religiösen Artefakten), das sonst nicht explizierte Eigene sichtbar.

Lebenslauf

Ausbildung

  • 2006 Abitur in Illertissen
  • 2006-2009 Deutsch-französischer Bachelor „TübAix“ in Geschichte und Politikwissenschaft. Universität Tübingen, Université de Provence – Aix/Marseille I, IEP d’Aix-en-Provence
  • 2009-2011 Deutsch-französischer Master in Geschichtswissenschaften. Universität Heidelberg, EHESS Paris. Die Masterarbeit „Von den Luthergegnern zu den Altgläubigen. Konstruktion und Konstrukte des kirchentreuen Lagers im frühreformatorischen Deutschland (1517-1524)“ wurde von der Deutsch-Französischen Hochschule mit dem „Exzellenzpreis“ 2011 ausgezeichnet
  • 2011–  Cotutelle-Promotion in Mittlerer und Neuerer Geschichte. Universität Heidelberg, EHESS Paris
  • 2007-2011 Studienstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung
  • 2011-2012 „Frontier“-Promotionsstipendium im Rahmen der Heidelberger Exzellenzinitiative
  • 2012–  Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes
  • 2008–  Reise- und Mobilitätsstipendien der Deutsch-Französischen Hochschule, der Graduiertenakademie Heidelberg und des CIERA

Berufserfahrung

  • 2011-12 Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Übergänge. Die Bedeutung und Funktion von transitorischen Räumen (1400-1800)“ bei Dr. Daniel Jütte (Harvard University) und Prof. Dr. Thomas Maissen (Universität Heidelberg)
  • 2008–  Praktika in den Politik-, Kultur- und Onlineredaktionen der Südwest Presse (Ulm), des Tagesspiegel (Berlin), der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten. Aktuell freier Mitarbeiter bei verschiedenen deutschen Tageszeitungen

Publikationen

  • Beiträge in Sammelbänden: „Sie tun es im Affekt. Praktiken und Artefakte als altgläubige Kulturformen (1520-40)”, erscheint in einem Sammelband in der Reihe Berliner Mittelalter- und Frühneuzeitforschung.

Artikel

  • „Zensiert und zerrissen. Alte Bücher in der frühen Reformation in Zürich und Biberach“, in: Archiv für Reformationsgeschichte [angenommen].
  • „Streit um den Hühnermarkt. Wenn Geflügel Konfessionen macht (1529)“, in Vorbereitung für: Ulm und Oberschwaben.
  • „Wenn der Alte für das Junge ist. Ein Familien-Flugschriftenstreit aus der frühen Reformationszeit“, in Vorbereitung für: Trajectoires.

Rezensionen

  • Bertrand Forclaz (Hg.): L’Expérience de la différence religieuse dans l’Europe moderne (XVIe-XVIIIe siècles), Neuchâtel 2013, erscheint in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte.
  • Gesa Stedman: Cultural Exchange in Seventeenth-Century France and England, Farnham 2013, erscheint in: Francia-Recensio.
  • Jürgen Macha/Anna-Maria Balbach/Sarah Horstkamp (Hg.): Konfession und Sprache in der Frühen Neuzeit. Interdisziplinäre Perspektiven, Münster u.a. 2012, erscheint in: Zeitschrift für Historische Forschung.
  • Anna Marie Johnson/John A. Maxfield (Hg.): The Reformation as Christianization. Essays on Scott Hendrix’s Christianization Thesis (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 66), Tübingen 2012, erscheint in: Zeitschrift für Historische Forschung.
  • Howard Louthan/Gary B. Cohen/Franz A. J. Szabo (Hg.): Diversity and Dissent. Negotiating Religious Difference in Central Europe, 1500-1800 (Austrian and Habsburg Studies 11), New York/Oxford 2011, erscheint in: Zeitschrift für Historische Forschung.
  • Martin H. Jung: Reformation und Konfessionelles Zeitalter, 1517-1648 (UTB 3627), Göttingen 2012, erscheint in: Zeitschrift für Historische Forschung.
  • Robert Sauzet: Religion et société à l’époque moderne. Itinéraire de Chartres au Val de Loire (Perspectives historiques), Tours 2012, in: Francia-Recensio 2013-1.
  • C. Scott Dixon: Contesting the Reformation (Contesting the Past), Malden 2012, unter: H-Soz-u-Kult (25.09.2012).
  • Annette Vowinckel: Das Relationale Zeitalter. Individualität, Normalität und Mittelmaß in der Kultur der Renaissance, Paderborn 2011, unter: H-Soz-u-Kult (13.12.2011).
  • Yves Krumenacker/Oliver Christin (Hg.): Entre Calvinistes et Catholiques. Les relations religieuses entre la France et les Pays-Bas du Nord (XVIe-XVIIIe siècle), Paris 2010, unter: H-Soz-u-Kult (13.9.2011).
  • Günther Wassilowsky: Die Konklavereform Gregors XV. (1621/22). Wertekonflikte, symbolische Inszenierung und Verfahrensweisen im posttridentinischen Papsttum (Päpste und Papsttum 38), Stuttgart 2010, unter: H-Soz-u-Kult (08.06.2011).

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