Lucille Lisack

7 Mai 2013

Zeitgenössische Musik in Usbekistan, zwischen Avantgarde und Exotismus
Betreut durch: Denis Laborde (Ecole des hautes études en sciences sociales, Paris), Ingeborg Baldauf (Humboldt-Universität Berlin)
lucille@lisack.eu

Projekt

Im Rahmen dieser Doktorarbeit will ich die usbekische zeitgenössische Musik untersuchen, die das Erbe der „westlichen“ so genannten „klassischen“ Musik übernimmt, sich auf die europäischen Avantgarden der 20. und 21. Jahrhunderte beruft und zugleich sehr unterschiedliche Beziehungen zu der so genannten „überlieferten“ usbekischen Musik aufweist. Anhand der Methoden der Anthropologie und der Musikethnologie werde ich die zeitgenössische Musik durch das Repertoire, die Praxis, die Orte, die Vokabel, die Gegenstände (insbesondere Noten und Instrumente) und alle Interaktionen analysieren, die zu ihrem Dasein beitragen. Viele Begriffe, die in der Formulierung des Themas unentbehrlich sind, erweisen sich als höchstens problematisch: „zeitgenössische Musik“, „überlieferte Musik“, „westliche Musik“ versus „usbekische Musik“, „klassische Musik“, sowie „westlich“, „östlich“ und „Zentralasien“ benutze ich zunächst nur als „Werkzeuge“, mit ihrer geläufigsten und unbestimmtesten Bedeutung, weil die Akteure selbst ihre Tätigkeiten mit diesen Wörtern kennzeichnen. Der Sinn dieser Begriffe wird nicht von vornherein bestimmt, sondern im Laufe der Studie immer wieder infrage gestellt: Die Feldstudie wird erlauben zu beobachten, wie sie strategisch verwendet werden und wie diese Ausdrücke eine gewisse Realität herstellen.
Meine Absicht ist es nicht, die „zeitgenössische Musik“ als gegebenes Objekt, das dem Blick des Ethnologen offen steht, zu beobachten. Die Kategorie „zeitgenössische Musik“, an der Kreuzung zwischen kommerzieller Strategie, musikalischem Stil und übernommenem musikalischem Erbe, ist ein Ausdruck, den man hinterfragen soll. Wie wird „zeitgenössische Musik“ hergestellt? Wozu dient diese Kategorie? Ich will verstehen, wie der Ausdruck verwendet wird, um das Musikleben zu strukturieren und dieser Musik eine Existenz zu verleihen, und beobachten, wie ein musikalisches Phänomen durch das Treffen von einem Publikum, verschiedenen Orten, Musikern, Komponisten, der Bezugnahme auf Standardwerke usw. ins Leben gerufen wird.
Die Verwendung des Ausdrucks „zeitgenössische Musik“ erlaubt den Musikern in Taschkent, in der allgemeinen musikalischen Landschaft ihren eigenen Platz zu finden, im Gegensatz zu anderen westlichen Musikarten und zur usbekischen so genannten „traditionellen“ Musik. Durch die Kategorie „zeitgenössische Musik“ können sich die Komponisten bei europäischen Festivals für zeitgenössische Musik bewerben. So vermeiden sie, in die sehr vage Kategorie der „Weltmusik“ eingebettet zu werden. Im Laufe meiner Feldstudie soll die Herstellung eines Netzes im Ausland und die Zirkulation der Musikarten in Europa, in Zentralasien und in Amerika besonders aufmerksam beobachtet werden.
Ausgangspunkt meines Forschungsthemas bilden das „Omnibus-Ensemble“ in Taschkent und das Theater Ilkhom, wo das Ensemble probt und monatliche Konzerte gibt. Es handelt sich um das einzige auf zeitgenössische Musik spezialisierte Ensemble in Zentralasien. Es wurde 2004 vom Komponisten und Dirigenten Artyom Kim gegründet, um dem Mangel an zeitgenössischer Musik im Bildungswesen und in den Konzertsälen ein Ende zu setzen. Durch eine Ethnografie des Ensembles will ich in diese spezielle Welt der Musik eintreten und aus diesem Punkt ausgehend die damit verbundenen Akteure in Betracht ziehen.
Im Rahmen der Feldstudie beobachte ich Proben und Konzerte des Omnibus-Ensemble, führe ich Gespräche mit den unterschiedlichen Personen, die mit dem Theater Ilkhom und dem Omnibus-Ensemble zu tun haben, und auf diese Weise in das Netz der zeitgenössischen Musik in Taschkent eintreten. Ich will damit meinen nicht-institutionellen Standpunkt betonen und durch die Auseinandersetzung mit den individuellen Interaktionen die Herstellung einer „Welt der [zeitgenössischen] Musik“ (im Sinne von Howard Becker) analysieren. Aus dem Standpunkt des Individuums ausgehend sollen auch Institutionen, die mit der zeitgenössischen Musik in Kontakt stehen, untersucht werden, unter anderem finanzierende Botschaften und Stiftungen (insbesondere das Gœthe-Institut in Taschkent) sowie die staatliche Kulturpolitik.
Die Feldstudie soll also auf nicht-usbekische Institutionen erweitert werden. Außerdem ist es unentbehrlich, die Laufbahn einiger Musiker in Usbekistan und im Ausland zu verfolgen, um zu verstehen, wie die Individuen in die internationalen Netze eingebunden werden, oder eher wie sie diese Netze allmählich erstellen und verändern.

Lebenslauf

Ausbildung

  • 2009-2013 Doktorandin in Anthropologie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und an der Humboldt-Universität zu Berlin; Betreuer: Denis Laborde (EHESS) und Ingeborg Baldauf (HU)
  • Mitglied des „Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne“ (CIERA, Interdisziplinäres Studien- und Recherchenzentrum über Deutschland)
  • 2007-2009 Master 2 in Anthropologie mit dem Thema : « Musique(s) classique(s) à Tachkent » (Klassische Musik(arten) in Taschkent) an der EHESS; Betreuer : Prof. Dr. Denis Laborde; Master-Abschluss mit « sehr gut »
  • 2006-2007 Vorbereitung des Wettbewerbs der « agrégation » in Germanistik an der Universität Paris III – Sorbonne Nouvelle und an der Ecole Normale Supérieure; Agrégation mit Erfolg abgelegt
  • 2005-2006 Austausch mit der Universität Wien
  • Abschluss des « Master 1 » in Germanistik an der Universität Paris III
  • 2004-2005 « Licence » in Geschichte an der Universität Paris-1 Panthéon-Sorbonne
  • 2001-2004 Classes préparatoires littéraires (« hypokhâgne », « khâgne ») am Gymnasium Fénelon in Paris ; Zulassung in die « Ecole Normale Supérieure » in Paris

Berufserfahrung

  • 2012-2013 Lehrauftrag („PRAG“) in Germanistik an der Universität Paris Ouest – Nanterre la Défense.
  • 2009-2010 Lehrauftrag („Monitorat“) an der Ecole normale supérieure (Paris): Deutschunterricht für Nicht-Spezialisten.

Publikationen

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